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15.09.2009 11:30
Lehman-Pleite? War da was?
von Notker Blechner
In den Großbanken sprudeln wieder die Milliardengewinne, Top-Manager erhalten saftige Boni, und an den Märkten wird munter kurzfristig spekuliert. Haben die Banken ein Jahr danach aus der Lehman-Pleite nichts gelernt? Ist das Kasino wieder geöffnet?
Lehman-Brothers-Geschädigte demonstrieren vor der Citibank in Düsseldorf (Quelle: pa/dpa)

Ein Jahr nach dem dramatischen Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers herrscht in vielen Banken schon fast wieder "Business as usual". "Finanzmärkte lernen nur kurzfristig", weiß Wirtschaftsprofessor Wolfgang Gehrke. "Im nächsten Boom ist wieder alles vergessen." Und auch Börsenhändler und Krisen-Buchautor Dirk Müller hat beobachtet, dass "man so weiter macht wie bisher".

Krise zu kurz für fundamentale Änderungen
Selbst die Top-Banker räumen ein, dass in der Branche kaum Konsequenzen aus dem Lehman-Trauma gezogen worden seien. Die Krise sei vielleicht zu kurz gewesen, um fundamentale Änderungen zu erreichen, meinte selbstkritisch Commerzbank-Chef Martin Blessing vor zwei Wochen auf einer Finanzstandort-Konferenz. Und Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, erzählte auf der jüngsten "Handelsblatt"-Tagung "Banken im Umbruch" von "Bankenvertretern, die so tun, als ob die Banken noch nichts dazugelernt haben".

Tatsächlich scheinen die Banker wieder in alte Denkmuster zu verfallen und auf kurzfristige Rendite zu setzen. Viele Geldinstitute haben die Risiken hochgefahren, scheffeln erneut kräftige Gewinne und bieten hohe Gehälter an – als wäre vorher nichts geschehen. Ironie der Geschichte: die Banken profitieren von der Krise, die sie mit verursacht haben. Die Staaten müssen Anleihen auflegen und erfolgreich am Markt platzieren, um ihre gigantischen Bankenrettungs- und Konjunkturprogramme zu finanzieren. Und auch die Unternehmen müssen sich zunehmend frisches Kapital über die Ausgabe von Anleihen beschaffen, da die Banken restriktiver Kredite vergeben. An diesem Anleihen-Geschäft verdienen kräftig die Banken. "Es ist so viel Liquidität da, das Geld muss irgendwohin", berichten Banker.

"Branche hat Hausaufgaben nicht gemacht"
"Wir sind eigentlich heute da, wo wir vor der Krise standen", gab Deutschlands mächtigster Banker Ackermann auf der Banken-Tagung in Frankfurt zu. Das heißt: Nach der Krise ist vor der Krise. Deutlichere Worte findet Bankenexperte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. "Wir haben unsere Hausaufgaben nicht gemacht", kritisiert er. Bis heute gebe es weder eine effiziente Aufsicht noch die Konsolidierung bei den Landesbanken, die sich mit Schrottpapieren verspekulierten. Die Eitelkeiten von Landespolitikern und Verbandsfürsten haben Fusionen maroder Landesbanken verhindert.

Haben Banken also gar nichts aus der Krise gelernt? "Doch", sagt Commerzbank-Boss Blessing, "natürlich haben wir das". Es habe zahlreiche externe und interne Korrekturen geben, betonte er auf dem jüngsten Banken-Kongress. Die Branche beschäftige sich nun viel mehr mit dem Liquiditätsmanagement und dem Risikomanagement im Kreditgeschäft.

Schließlich hat die Finanzkrise die Bankenlandschaft, insbesondere die Landschaft der Privatbanken gründlich umgekrempelt. Von den großen Playern sind inzwischen nur noch zwei übriggeblieben, die Deutsche Bank und die Commerzbank. Als neuer Mitspieler mischt der Staat mit – bei der Commerzbank ist der Bund zu einem Viertel beteiligt, bei der angeschlagenen Hypo Real Estate (HRE) gar zu 90 Prozent. In der Not ist der Staat als Retter eingesprungen. 480 Milliarden Euro stellte er für das Banken-Hilfspaket bereit. Über 150 Milliarden Euro hat bisher der Rettungsfonds SoFFin bewilligt. 23 Banken haben bislang Anträge auf Staatshilfe gestellt. Zudem können die Geldinstitute mit Hilfe des Staats "Giftpapiere" in "Bad Banks" auslagern.

Braucht die Branche mehr Moral?
Die Lehman-Pleite und ihre Folgen haben das Vertrauen in die Banken erschüttert. Banker werden schon als "Bangster" verhöhnt. Früher, weiß Andreas Treichl, Chef der Ersten Bank aus Österreich, sei Banker einer der angesehensten Berufe gewesen - heute liege der Ruf auf dem Niveau von Politikern. Deshalb forderte HSBC-Verwaltungsratschef Stephen Green in Frankfurt "eine neue Wertvorstellung" der Banken. " Sprich: eine neue Moral. "Moralisches Handeln in unserer Branche ist nicht nur möglich, sondern notwendig", forderte Goldman-Sachs-Direktor Alexander Dibelius.

Denn die nächste Krisenwelle kommt bestimmt. Zwar meinte Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein auf der Banken-Konferenz in Frankfurt, "das Schlimmste in dieser Krise ist überstanden". Doch die Krise könnte in den nächsten Monaten an anderer Stelle zuschlagen: im Kreditgeschäft. Viele Unternehmen und Privatleute werden bald ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Deutschen Geldinstituten drohen Ausfälle von 120 Milliarden Euro bis 2011, prophezeien Experten.

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